Der neurechte Mythos vom nationalen Arbeitskampf gegen die alliierten Demontagen – Eine Replik auf Karsten Heinrichs geschichtsfälschenden Artikel in „Zuerst“

- von Leon Kloke; Leon Kloke studiert Geschichtswissenschaften und hat sich für die IG Metall bereits eingehend mit der Demontage beschäftigt –
Endlich erhoben sich die Deutschen, hier in Form des bodenständig-markigen, um seine Subsistenzsicherung und den Erhalt seiner Heimat ringenden „Arbeiters“, gegen die erdrückende und willkürliche Siegerjustiz der alliierten Besatzungsmacht. Dieser Grundtenor kann ohne große intellektuelle Leistung aus dem „Zuerst“-Artikel „Arbeiteraufstand in der Westzone“ von Karsten Heinrich herausgelesen werden.
Ohne Zweifel hat sich der Autor mit der Demontage der ehemaligen „Reichswerke Hermann-Göring AG“ in Salzgitter, die von 1948 bis in den Sommer des Jahres 1951 durchgeführt wurde, ein so kontroverses wie ambivalentes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte herausgepickt, welches sich hervorragend für das Kolportieren eines doppelten Mythos eignet: die deutsche Bevölkerung, in diesem Fall besonders die deutschen Arbeiter und ihre Familien als unschuldige Opfer einer brutalen alliierten Besatzungsherrschaft einerseits, dieselben Subjekte als heroische Kämpfer eines auflebenden „nationalen Widerstands“ gegen die vermeintliche alliierte Politik der verbrannten Erde. Schöner hätten es sich die rechtsextremen Nachkriegsparteien wie SRP (Sozialistische Reichspartei) und DRP (Deutsche Reichspartei) nicht träumen können, letztere übrigens holte bei den ersten Bundestagswahlen im September 1949 im Wahlkreis Watenstedt-Salzgitter eine erschreckend hohe Stimmenzahl. Dazu später mehr.
Die britische Militärregierung führte mit ihrer zweifellos teils drastischen Demontage- und Entmilitarisierungspolitik an den Anlagen der Reichswerke das Salzgittergebiet ohne Frage an den Rand einer sozialen Katastrophe. Eine Klärung der genauen Hintergründe und verschiedenen nationalen – auch von deutscher Seite spielte hier beispielsweise die Gegnerschaft der Ruhrindustrie zu den Reichswerken durchaus eine nicht zu unterschätzende Rolle – und internationalen politischen und wirtschaftlichen Interessen, welche hinter der rigiden britischen Politik des Abrisses standen sind von einer gehörigen Komplexität, nicht frei von Widersprüchen und in diesem kurzen Abriss nicht weiter zu eruieren. Monokausale Deutungsansätze jedenfalls, gar der aus der untersten Schublade der Schuldumkehr hervorgezauberte Mythos des „Morgenthau-Plans“, der immer wieder gern von rechten Demagogen – so auch Heinrich – genutzt wird, um aufzuzeigen, dass die Alliierten (noch dazu, im Falle Morgenthaus, deren vermeintliche jüdischen „Strippenzieher“) genozidale Absichten hegten, gegen die die Shoah nahezu hätte erblassen müssen, sind hier wie überall vollkommen fehl platziert.
Wirtschaftliche Kompetition mag durchaus, wie auch von Heinrich behauptet, eine Rolle gespielt haben. Doch welche Gründe die britische Militärregierung auch immer hatte ausgerechnet das Salzgitteraner Montanindustriegebiet zu zerschlagen; so geschichtsvergessen wie Heinrich an die Betrachtung des Anti-Demontage-Kampfes der Salzgitteraner heranzugehen ist entweder Kennzeichen von Unkenntnis der Materie oder, wie es bei Heinrich anzunehmen ist, Zeugnis intentionaler Geschichtsverfälschung.
Zuvorderst ist die Demontage vor dem dunklen Horizont der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu betrachten. Welch Schoßes Kind der damals weltweit technisch modernste Stahlwerkskomplex war, ist bereits in seinem Namen eingeschrieben: Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten „Hermann Göring“. Ab 1938, im Zuge des Göringschen Vierjahresplans zuerst mit deutschen, und schon bald darauf aufgrund eklatanten Fachkräftemangels auch ausländischen Arbeitskräften, unter anderem aus den Niederlanden und der Tschechoslowakei, aufgebaut, diente das Stahlwerk dem alleinigen Zweck Rüstungsgüter für die lange vorausgeplante nationalsozialistische Expansion über den europäischen Kontinent zu produzieren. Ab 1940 – der Aufbau des Werkes wurde bis Kriegsende vorangetrieben aber nicht vollendet – arbeiteten zunehmend Kriegsgefangene und zwangsverschleppte Frauen und Männer unter überwiegend unmenschlichen Umständen am Aufbau und in der Produktion des Werkskomplexes. Mindestens 4000 Menschen bezahlten die enge Kooperation von SS und Werksleitung mit ihrem Leben.
Dieses für den Krieg geschaffene, die Stadt Salzgitter erst gebärende nationalsozialistische Industriegebiet zu demontieren bzw. durch „Demilitarization“ dem Erdboden gleichzumachen ist aus dem Blickwinkel des Potsdamer Abkommens, dessen Ziel es vornehmlich war, zukünftiges deutsches Kriegspotential auszuschalten, gesehen eindeutig nachvollziehbar. Auch wenn, wie Heinrich korrekt bemerkt, die Demontagen von als Reparations- bzw. Restitutionsgütern gedachten Werksteilen von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus nicht unbedingt sinnvoll waren und es auch auf Seiten der Alliierten, hier insbesondere von amerikanischer Seite stets entschiedene Gegner der Demontagen gab. Die Demontagen hatten neben der Verhinderung eines erneuten militärischen Erstarken Deutschlands auch den Effekt, erste, wenn auch marginale und nicht-intrinsisch deutsche, wirtschaftliche Wiedergutmachung zu leisten; nach sechs Jahren von deutschem Boden ausgegangenen europaweiten Raubzügen und einem nie da gewesenen Blutvergießen aus Sicht der ehemaligen Kriegsgegner Deutschlands mehr als verständlich.
Wenn auch der Umstand, dass die Demontagen selbst einen nicht unerheblichen Wirtschaftsfaktor für die Salzgitter-Region ausmachten, nicht aus den Augen verloren werden darf, so lässt sich über Sinn und Unsinn der Demontagen was deren wirtschaftliche und soziale Folgen gerade in Hinblick auf das Ziel einer demokratischen Umerziehung der deutschen Bevölkerung kaum streiten: sie waren kontraproduktiv und förderten, anders als von niedersächsischer Landes- und britischer Militärregierung befürchtet, nicht das linke „Extrem“, sondern ein temporäres Erstarken des Rechtsextremismus in der Region. Umso erstaunlicher, dass diese Strömungen zwar bei der ersten Bundestagswahl virulent hervorbrachen, beim innerbetrieblichen Anti-Demontage Kampf aber marginal blieben.
Was sich aus einem moralischen und demokratischen Blickwinkel verbietet, das Aufrechnen des ohne Frage durch die Demontagen zusätzlich über die Menschen der Salzgitter-Region gekommenen Leids gegen die keine fünf Jahre zurückliegenden Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland, ist als klare Intention des „Zuerst“-Artikels zu brandmarken.
Das hierfür nun ausgerechnet „der Arbeiter“ als Symbol eines erwachenden „nationalen Widerstands“ gegen die „englische Besatzungsmacht“ von Heinrich aus dem Hut gezaubert wird, ist nicht bar der Ironie. Offenbar sucht die Redaktion des „Zuerst“ den historisch-verzerrten Schulterschluss mit einer traditionell eher „links“ verorteten Arbeiterschaft. Mit diesem Ziel vor Augen erklärt Heinrich nachträglich den Widerstand von Teilen der Belegschaft der Salzgitteraner Reichswerke zum Kern eines wie auch immer von ihm imaginierten frühbundesrepublikanischen nationalen Arbeiterwiderstands. Er stellt den Anti-Demontage Kampf gar in eine Reihe mit dem Aufstand des 17.Juni 1953 in der DDR. Von ihrem jeweiligen historischen Kontext entkleidet, werden zwei für sich genommen völlig spezifische Ereignisse für die neurechte Ideologie der „Zuerst“ missbraucht: den Mythos eines transzonalen, gesamtdeutschen Arbeiterwiderstands unter dem Vorzeichen des Nationalismus. Soll hiermit der „Arbeiter“ der Gegenwart ins rechts-konservative Boot geholt werden, aufzeigend, dass seiner „Klasse“ schon früh das Wohl (Gesamt-)Deutschlands am Herzen lag, für das er auch im Zweifel zu sterben bereit war?
Schön und gut, nur hat die Absicht Heinrichs einen Haken, den er eher schlecht kaschierend hinter dem sprachlichen Allgemeinplatz „Arbeiter“ zu verstecken sucht. Die Ironie an der Geschichte liegt darin, dass es der einfache „Arbeiter“ gewesen sein soll, der sich mehr aus heimatschützerischem Instinkt denn aus subsistentiellem Interesse gegen die Demontage stemmte. Die Allgemeinheit des sprachlichen Ausdrucks suggeriert einen unpolitischen vereinzelten Typus, der sich allein dem Erhalt seiner Heimat Salzgitter willen, nahezu herdenhaft anmutend zusammenrottete, um dem unfreundlichen „Tommy“ das „deutschfeindliche“ Spreng-Handwerk zu legen.
Wie angedeutet war es nicht ganz so wie Heinrichs simplifizierender Artikel vermuten lässt. Bei der Belegschaft der Hauptwerkstatt, die den Löwenanteil der Widerstandsaktionen in den Märztagen organisierte handelte es sich um größtenteils hochgradig politisierte Personen, deren Kern sich aus der radikal-sozialistisch geprägten „Gruppe Arbeiterpolitik“, die auch die stärkste politische Größe innerhalb des Gesamtbetriebsrats der Reichswerke stellte, konstituierte. Eine Tatsache, deren Erwähnung bei Heinrich einfach unterlassen wird.
Bei der Gruppe Arbeiterpolitik handelte es um die Nachfolge der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) und der Kommunistischen Parteiopposition (KPO). Prinzipiell verstand man sich als gegen die stalinistische Linie der KPD und deren Sozialfaschismusthese gewand. Eine Ablehnung der Demontagen ergab sich aus arbeiterpolitischer Sicht von selbst, denn schließlich ging es hierbei um die Sicherung von Existenzgrundlagen. An der Spitze der Gruppe Arbeiterpolitik standen in Salzgitter Erich Söchtig, Heinrich Wegener und Walter Kienhorn. Söchtig führte bald, nachdem die Arpo ihre Position im Gesamtbetriebsrat von 1946 an ausbauen konnte, dessen Politik im Anti-Demontage Kampf an. Auf Initiative des Betriebsrates nahmen die Reichswerke Verhandlungen mit den Alliierten auf, um die Wirtschaftlichkeit der Reichswerke zu erhalten. Dies führte immerhin ab April 1948 zu einer Wiederanfuhr der Roheisenproduktion, wenn auch auf einem unzureichendem Niveau.
Tatsächlich war das politisch-soziale Umfeld des Widerstands gegen die Demontage der Reichswerke in Salzgitter äußerst heterogen und vor allem von einem ausgeprägtem Regionalismus denn von nationalistischen Tendenzen geprägt. So kam Protest aus sämtlichen kommunal vertretenen politischen Parteien, den lokalen Gewerkschaften aber auch den Kirchen. Auch die extreme Rechte, namentlich die Deutsche Reichspartei (DRP) versuchte in Salzgitter auf den fahrenden Protestzug aufzuspringen und agitierte gegen die alliierte Besatzungspolitik und die neue demokratische Grundordnung. Dass sie im innerbetrieblichen Kampf gegen die Demontagen keine Rolle spielten, ist vor allem der breiten Gegnerschaft innerhalb der politisch organisierten Arbeiterschaft, vertreten in den örtlichen Gewerkschaften und vor allem den Betriebsräten, geschuldet.
Somit bleibt bei aller gebotenen Kürze festzuhalten, dass es sich bei Heinrichs Artikel um einen so plumpen wie gefährlichen Versuch handelt, die Geschichte des Salzgitteraner Arbeitskampfes zu verfälschen. Aus einer pluralistischen, in seinem Gros von Betriebsräten und lokalen Gewerkschaften getragenen Arbeitskampf, dessen Kontext allein aus lokaler Perspektive – bei aller Rücksichtnahme auf den „gesamtdeutschen“ Charakter der Demontagen, kann von einer „gesamtdeutschen“ Anti-Demontage Bewegung ohnehin nicht die Rede sein – zu verstehen ist, wird eine nationale Erhebung gegen eine menschenverachtend dargestellte, von wirtschaftlichen Interessen und Revanchismus getriebene Besatzungsmacht.
Dass es diese Macht war, die zusammen mit den anderen Alliierten unter hohem Blutzoll und der Aufbringung enormer wirtschaftlicher Ressourcen Europa und die Welt vom menschenverachtenden System des Nationalsozialismus befreite sowie der deutschen Bevölkerung die Gelegenheit zur demokratischen Partizipation brachte, fällt bei Heinrich bewusst unter den Tisch der Geschichte. Es ist pure Ironie, dass ausgerechnet der Salzgitteraner Arbeitskampf, der ohne die durch den alliierten Sieg erst gegebene Möglichkeit demokratischer Entfaltung auf innerbetrieblicher und kommunaler Ebene sich nie hätte manifestieren können, zu einem Fanal einer nie stattgefundenen nationalen Erhebung gegen die Befreier vom Nationalsozialismus umgedeutet wird. Solcher Art historischer Irrläuferei gehört es in Zukunft weiterhin entschieden entgegenzutreten.
Zum Weiterlesen:
Leuschner, Jörg, Die Demontage der Reichswerke (1945-1951), Salzgitter 1990.
Bünte, Erich, Zwischen Gesetz und Gewissen: Die Polizei und die Demontage der Reichswerke in Salzgitter 1950, Braunschweig 2006.
Benz, Wolfgang, Salzgitter: Geschichte und Gegenwart einer deutschen Stadt 1942 – 1992, München 1992.