Gewerkschaften in der „Zuerst!“

Gewerkschaften in der „Zuerst!“

- von Chris –

In den bisherigen Ausgaben der Zuerst! kamen Gewerkschaften kaum vor – und schon gar nicht im Wirtschaftsteil. Dafür gibt der Wirtschaftsteil erste Aufschlüsse darüber, warum Gewerkschaften so wenig vorkommen.
Im Wirtschaftsteil wird die Klage deutscher Unternehmen verbreitet, dass die Produkthaftungsregeln in den USA zu scharf seien, den Verbraucherinnen und Verbrauchern also zu starke Rechte eingeräumt werden. Es wird über Probleme bei Mercedes, zwischen GM und Opel („Detroit frisst Bochum“) und über den Aktienhändler George „Soros und die Goldmänner“ berichtet. Analysen zu Antiamerikanismus und (strukturellen) Antisemitismus in diesen Texten bieten sich an, sollen hier aber nicht geleistet werden. Im Text über Mercedes in einem Abschnitt über die mittlerweile wieder aufgelöste Fusion mit Chrysler etwa heißt es: „[V]iele der gewissenhaften Entwickler aus dem Schwabenland zeigten wenig Verständnis für hochbezahlte amerikanische Manager, die sich um halb vier nachmittags auf den Golfplatz verabschiedeten.“ So wird das Bild vom „gewissenhaften deutschen Arbeiter“, der unter dem „nicht deutschen Parasiten“ leidet, bedient.

Nur geringfügig feiner ist im selben Text die verbitterte Formulierung, dass die „alten Loyalitäten (…) Opfer der Globalisierung geworden“ sind. Diese bezieht sich darauf, dass Mercedes sich bei bestimmten Teilen gegen den deutschen Zulieferer Bosch und für dessen amerikanischen Konkurrenten Delphi entschieden. Bosch hatte mangelhaft abgeliefert und Delphi war günstiger. „Die Globalisierung“ war da wohl nicht am Werk, sondern eher Wirtschaftlichkeitserwägungen. Im Wirtschaftsteil kommen Gewerkschaften also nicht vor, dagegen Deutschland/Deutsche gegen die anderen.
In einem Artikel der Rubrik „Deutschland“, der sich mit den schlechten Arbeitsbedingungen beim Textildiscounter KiK beschäftigt um dann auf eine Verurteilung des Vereins „Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“ überzugehen, werden sie ebenfalls nicht erwähnt. KiK wird hier vorgeworfen durch das Einstellen von Personen ohne deutschen Pass Lohndrückerei zu betreiben, die angeblich geringere Löhne fordern würden. Gesellschaftliche Einordnung? Fehlanzeige. Dafür der nahe liegende Schluss für den/die Alltagsrassisten/Alltagsrassistin: Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Als ob man als Einzelperson großartig Einfluss auf den eigenen Lohn hätte.

Weiter stellt Zuerst! fest: KiK-Chef Heinig schäme sich noch nicht mal für die Reduzierung seiner Kosten. Er sei „Repräsentant eines brutalen Raubtier-Kapitalismus, der maximale Profite durch zügellose Massen-Ausbeutung erzielt“. Diese ist an dieser Stelle wohl im Gegensatz zum „guten deutschen Kapitalisten“ zu sehen, der die „alten Loyalitäten“ noch pflegt und der seinen Angestellten „gerechte Löhne“ zahlt. Zuerst! Offenbart hier ihr Verständnis darüber, wie die Herstellung von Gütern aktuell funktioniert. Einzelne Personen können sich gut oder schlecht verhalten. Der oder die einzelne Arbeitnehmende darf sich nicht unter Wert verkaufen und der oder die Arbeitgebende soll gute Löhne zahlen und gute Arbeitsbedingungen schaffen. Dass einerseits die einzelnen Arbeitnehmenden aber gezwungen sind zu arbeiten um Geld zu verdienen mit dem sie dann wiederum ihr Leben bestreiten und andererseits die Arbeitgebenden gezwungen sind ihr Kapital möglichst gut zu verwerten, also genug Profit zu machen um in der Konkurrenz am Markt bestehen zu können wird hier nicht gesehen. Diese vertrackte Situation kapitalistischer Verhältnisse, in der die Einzelnen gezwungen sind entsprechend der genannten Gesetzmäßigkeiten zu handeln, ist es die Gewerkschaften notwendig macht. Die Vielen müssen ihre Macht (z.B.: Streik) einsetzen um bestimmte Regeln festzulegen (z.B.: Tarifvertrag), die den schlechten Verhältnissen ihre Spitzen nimmt und Verbesserungen erreicht. Aber Zuerst! sieht die Situation nicht so, sondern glaubt an Verfehlungen einzelner. Deswegen brauchen sie keine Gewerkschaften. Aber es kommt noch schlimmer.

Die wenigen Auftritte der Gewerkschaften sind denn auch nicht solche als Zusammenschlüsse der Lohnabhängigen. Sondern sie treten – abgesehen von der Deutschen Polizeigewerkschaft, DPolG – als Teil des linken Establishments, als Gutmenschen, die unsinnigerweise aus Herdentrieb gegen Rechts auf die Straße gehen.

Im Text zu den erfolgreichen Blockaden gegen den Naziaufmarsch in Dresden vom 13.02.2010 „Angriff auf den Rechtsstaat“ wird von den „Gutmenschen aus SPD, Grünen und Linken, Gewerkschaften und Kirchen“ sowie kurz darauf von „Partei-, Gewerkschafts- und anderen Mitgliedern“ geschrieben. In dem Zusammenhang sind Mitglieder klar negativ belegt. Da vorher Parteien und Gewerkschaften genannt werden, scheint es explizit um Mitglieder freiwilliger Zusammenschlüsse zu gehen, die in der Demokratie ihre Anliegen durchsetzen wollen. Damit geht es auch um die Organisationen, die zwischen Staat und Einzelperson stehen, an sich. Ihr bestehen ist offensichtlich nicht im Sinne der Zuerst!. Diese Organisationen brauchen aber diejenigen, die Aufgrund einer gesellschaftlichen Struktur benachteiligt sind. Im Kapitalismus sind das die Lohnabhängigen, in einer patriarchalen Welt sind es die Nicht-Männer und so weiter. Diese Organisationen werden in einer Demokratie gebraucht. Wir brauchen sie.

Die Notwendigkeit solcher Organisation wird hier verneint. Sie werden dargestellt als Selbstbespaßung und Gewissensberuhigung der Gutmenschen. Für uns ist eine solche Ideologie zutiefst gewerkschaftsfeindlich und reaktionär. Deswegen sollte einer Zeitschrift wie Zuerst! kein Raum geboten werden.

(weitere Infos zu der kampagne in Göttingen gibt es unter https://www.inventati.org/ali/index.php?option=com_content&view=article&id=1814:zuerst-ist-das-letzte)